Interview RA Mitze: Insolvenzanträge in Waldeck-Frankenberg

  1. Statistiker verzeichnen einen erneuten Rückgang der Insolvenzanträge. Brechen schlechte Zeiten für Insolvenzanwälte an?

Nein, im Gegenteil. Zwar gibt es derzeit immer weniger Firmeninsolvenzen in Deutschland, wie im Übrigen auch in ganz Europa. Nach diversen Analysen gehen jedoch derzeit viele Firmen nur deshalb nicht pleite, da die niedrigen Zinsen sie über Wasser halten. Nach einer Analyse von Creditreform stehen deutschlandweit 280.000 Firmen unter Verdacht, einen Zinsanstieg auf ein durchschnittliches Maß auf 3 % nicht überleben zu können.

  1. Wie ist nach Ihrer Einschätzung die Lage in Waldeck-Frankenberg?

Die Lage in Waldeck-Frankenberg hat sich auf niedrigem Niveau stabilisiert. Insgesamt ist jedoch zu beobachten, dass wir in Waldeck-Franken sowohl im Süd- als auch im Nordkreis eine Vielzahl von mittelständischen Unternehmen haben, die gut aufgestellt sind. Aber es gibt auch branchenspezifisch Ausnahmen hiervon.

  1. Sind bestimmte Branchen besonders von Insolvenzen betroffen?

In den letzten Jahren waren dies neben Gastronomie- und Beherbergungsbetrieben, die saisonal auf entsprechendes Wetter im Winter oder Sommer angewiesen sind, häufig lohnintensive produzierende Betriebe, die aufgrund der Niedriglohnkonkurrenz aus Osteuropa oder Asien nicht mehr wettbewerbsfähig produzieren konnten.

  1. Was sind die häufigsten Gründe für Firmeninsolvenzen?

Die Gründe können recht unterschiedlich sein. Neben Managementfehlern kommen in Betracht, dass die Unternehmensnachfolge nicht rechtzeitig eingeleitet worden ist und sodann die Nachfolgeregelung verpasst wird. Andererseits gibt es aber auch den sog. Domino-Effekt, spricht, große Unternehmen gehen in Insolvenz und reißen ihre abhängigen Lieferanten mit in den Strudel der Pleite.

  1. Gibt es typische Unternehmerfehler?

Typische Unternehmerfehler sind fehlendes Verständnis für die Märkte, fehlendes Controlling im Unternehmen und allgemein ein zu langes Festhalten an den vergangenen Erfolgen. Oder einfacher ausgedrückt, das früher erfolgreiche Unternehmen ruht sich zu lange auf den alten Erfolgen aus und passt sich nicht den neuen Marktentwicklungen an.

  1. Gibt es Warnsysteme, die Unternehmer nutzen sollten?

Spätestens dann, wenn der Unternehmer nicht mehr in der Lage ist, die notwendigen Investitionen in dem Betrieb vorzunehmen, um diesen auf aktuellem Stand zu halten, sollte der Unternehmer überlegen, woran dies liegt. Dies kann letztlich nur am fehlenden Ertrag liegen, sodass die Ampel für den Unternehmer auf gelb steht.

  1. Die Zahl der Privatinsolvenzen ist in den Amtsgerichtsbezirken Korbach und Fritzlar gegen den Bundestrend gestiegen (Für Marburg, vulgo Frankenberg, habe ich noch keine Zahlen vorliegen, Anfrage läuft). Was könnten Ursachen sein?

Im vergangenen Jahr ist die Zahl der überschuldeten Personen in Deutschland auf über 6,9 Millionen gestiegen, d.h. bei gut jedem 10. Erwachsenen sind die Gesamtausgaben dauerhaft höher als die Einnahmen.

Privatinsolvenzen haben recht unterschiedliche Ursachen. Dies können Scheidung oder Trennung vom Partner sein, sodass die gemeinsam finanzierte Immobilie nicht mehr zu halten ist.

Andererseits ist gerade bei jungen Leuten zu sehen, dass sich das Konsumverhalten verändert hat und mehr auf Pump gekauft wird. Der Klassiker, der immer wieder zu sehen ist, sind die 20 bis 30-jährigen Schuldner, die durchgängig mehr als 20 Gläubiger haben. Die Gläubigerstruktur reicht dabei vom Telefonanbieter über den Handyvertrag bis zu den üblichen Online-Warenbestellungen.

Ein weiteres und immer mehr um sich greifendes Problem ist die Altersarmut. Nach neusten Erhebungen liegt fast jede zweite Altersrente unter 800,00 €, sodass sich der Lebensstandard bei Eintritt in die Rente von einem Tag auf den anderen drastisch verändert und ein Gegensteuern kaum möglich ist.

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